Stay Fooli.sh

Ist es die Zeit?

Liebe Selbst-Optimierer, Home Office Evangelisten, Online Marketing Prediger,

ich bin ziemlich irritiert. Seit #corona und den damit verbundenen Auflagen und #StayHome für alle breitet ihr euch mehr und mehr in meinem Feed auf LinkedIn aus um der Welt zu erklären wie geil HomeOffice ist, warum genau JETZT die Zeit ist sich selbst zu verbessern oder wie ich auch online möglichst viel verkaufe und deshalb DEINE Dienstleistung genau das richtige ist.

Wir stehen alle vor unglaublichen Herausforderungen – privat und beruflich. Ich bin seit ein paar Wochen im digitalen Onboarding bei der dpa und lerne das Unternehmen über die Wohnzimmer, Küchen, Dachzimmer und Keller kennen. Kaum jemand findet 100% Home Office gut, der Spagat zwischen Familie und Beruf ist mit kleinen Kindern und zwei berufstätigen Eltern kaum zu leisten. Als berufstätiger Vater kenne ich das Gefühl, dass schon vor Corona oft nicht genug Zeit für die Familie und die Kinder ist, das verstärkt sich im Moment und gilt für den Beruf gleichermaßen. Ich bin in der extrem privilegierten Situation, dass meine Frau noch nicht arbeiten ist, wir in einem Haus mit Garten wohnen und drei Kinder da sind. Zudem ist hier genug Platz für einen einigermaßen vernünftigen Arbeitsplatz. Ich kann mir nur schwer vorstellen wie die Situation bei einer vielleicht alleinerziehenden Mutter mit einem kleinen Kind in einer 50qm Wohnung ohne Balkon derzeit ist. Viele Menschen, die ich kenne (und gerade neu kennenlerne) sind derzeit froh, dass sie ihren Alltag organisiert kriegen.

Und ich habe mit niemandem gesprochen, der gezwungenes HomeOffice als perfekt ansieht und gar nicht mehr ins Büro möchte. Die Zukunft wird kein Entweder/Oder (das war es noch nie!) sondern ist der gesunde Mittelweg. Ich muss meinen Mitarbeitern und Kollegen alle technischen Möglichkeiten bieten sicher und ohne Komfortverlust unterwegs (zuhause, in einem Park, …) zu arbeiten. Aber genauso muss ich die Möglichkeiten haben, dass die Mitarbeiter sich treffen in Kantinen, Kaffeeküchen oder ganz banal morgens im Lift. Es gibt Dinge, die lassen sich nicht digitalisieren. Ein sehr geschätzter LinkedIn Kontakt, mit dem ich in regelmäßigem Austausch stehe, schrieb mir kürzlich dazu folgendes:

„Das merke ich gerade mit meinem jungen Kollegen, der eigentlich nur einen Steinwurf entfernt wohnt und mit dem ich seit Wochen nur Besprechungen per Videokonferenz mache. Persönlich getroffen haben wir uns in dieser Zeit nur zufällig auf der Straße und auf Distanz. Aber schon das war sehr wertvoll. Wir Menschen sind einfach soziale Wesen, die gelegentlich auch Nähe brauchen. Das wird in Zukunft noch mehr gelten, wenn es uns tatsächlich gelingt, mehr Sinn und Erfüllung in Arbeit zu bringen. Kreativität entsteht vor allem gemeinsam.“

Dem kann ich kaum noch etwas hinzufügen. Ich kann 100% verstehen, dass gerade Selbstständige nun auch über besonders reißerische Posts/Artikel auf LinkedIn versuchen Aufträge zu holen, aber ein bisschen mehr Realismus würde mich freuen. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein super positiver Mensch bin, dass ich ein großer Freund von allem Neuen und extrem neugierig bin, aber es ist mir ein bisschen zu viel. Seid authentisch. Seid Ihr selber. Das funktioniert auch (oder gerade?) jetzt!

Wie seht ihr das?

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